WARUM ES MEHR ALS BIO BRAUCHT

Vergleichen wir die Ideale, mit denen Bio angetreten ist, mit der tatsächlichen Praxis, so sehen wir, dass Herangehensweisen der konventionellen Landwirtschaft auch bei Bio Einzug gehalten haben. Insbesondere zu nennen ist hier eine Grundannahme, dass der Mensch über allem steht und die Natur uns quasi als Schatzkammer – möglichst nach unseren Regeln – das liefert, was wir brauchen. Der Boden und besonders das Bodenleben sind aus dem Blickfeld geraten. Statt den Fokus auf natürliche Ökosysteme und ihre Zusammenhänge zu legen und mit diesen zu arbeiten, hat sich ein symptomorientiertes Handeln eingestellt, das auf Technik und den Einsatz von biologischen (Spritz) Mitteln setzt. Der Verlust von fruchtbarem Oberboden und sinkende Humusgehalte zeigen, dass auch in der ökologischen Landwirtschaft Verbesserungspotential steckt. Vielleicht sogar gerade hier, da die konventionelle Landwirtschaft keine Zukunft haben kann.

Die Grundlage stabiler Systeme ist ihre Vielfalt. Ökosysteme bestehen aus unzähligen Verbindungen und Abhängigkeiten zwischen Tieren, Pflanzen, Mikroben oder chemischen Stoffen wie Gasen. Ein feinjustiertes System, in dem Alles seinen Platz hat. Verändert sich ein Glied dieses Netzwerkes über- oder unterproportional oder verschwindet gänzlich aus diesem, muss sich das gesamte System anpassen und neu justieren. Verschwindet also nur eine Insekten- oder Pflanzenart, hat das fatale Auswirkungen auf das gesamte System. Häufen sich diese Ereignisse und lässt der Druck auf das Netzwerk nicht nach, führt es zu einem Kollaps. Das Ökosystem kann sich nicht mehr aus eigener Kraft regenerieren. Die Biologische Vielfalt ist das Immunsystem unseres Planeten Erde, das versucht die Balance und somit Gesundheit der Ökosysteme zu bewahren.

Diese Balance ist schon seit Jahrzehnten aus dem Gleichgewicht. Die biologische Vielfalt nimmt dramatisch ab. Warum? Weil wir Menschen mit unserer Art zu wirtschaften, mit unserer Art Landwirtschaft zu betreiben, massiv in dieses Gleichgewicht eingreifen. Neben dem Verlust der biologischen Vielfalt führt es zunehmend zu klimatischen Extremen wie Trockenheit oder Starkregen. Dazu gibt es einen nicht mehr zu leugnenden Artenschwund und die Belastung unserer Wasserressourcen durch Übernutzung und Verschmutzung.

Der ökologische Landbau hat für die Herausforderungen zwar (häufig technische) Lösungsansätze, geht aber in seiner derzeitigen Umsetzung nicht weit genug, um auch für zukünftige Generationen die Lebensgrundlagen zu erhalten. Denn auch bei Bio ist die Vielfalt teilweise zugunsten wirtschaftlicher und politischer Rahmenbedingungen zunehmend geringer geworden - wodurch der vielseitige Gemischtbetrieb vom Aussterben bedroht ist.

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WO WIR HIN WOLLEN

Wir von followfood glauben an die Genialität, die Zusammenhänge und die Kräfte der Natur. An einen Kreislauf, in dem alles mit allem zusammenhängt. Wir als Menschen stehen hier nicht über allem, sondern sind Teil eines sich regulierenden Systems „Natur“. Nehmen wir dieses als Vorbild, zeigt es uns ein aufbauendes System, das wächst und in dem sich Ressourcen vermehren statt gleich zu bleiben oder weniger zu werden. Diese Grundannahme ist die Basis, auf der wir Lebensmittel herstellen möchten. Sie ist die Motivation, weshalb wir ein Weiterdenken von „Bio“ fordern und fördern wollen. Wir wollen hin zu einer sich selbst regulierenden, aufbauenden Landwirtschaft, die über den reinen Erhalt des Status Quo hinaus arbeitet.

Wir bezeichnen sie als regenerative Landwirtschaft.

WAS IST REGENERATIVE LANDWIRTSCHAFT

Die Kernidee der regenerativen Landwirtschaft (ReLaWi), die uns vorschwebt, lässt ein Agrarökosystem entstehen, das mit Hilfe der Natur und ihrer biologischen Funktionen, trotz und durch die landwirtschaftliche Bewirtschaftung, fruchtbarer wird. Mit einem holistischen Ansatz verbessert sie neben den ökologischen auch die ökonomischen und sozialen Ressourcen und Funktionen unseres Planeten, insbesondere die, die sie nutzt. Sie arbeitet im Einklang mit der Natur und steigert die Lebensqualität aller beteiligten Organismen. Ziel ist auch, die nicht-erneuerbaren, endlichen externen Stoff- und Energieflüsse zunehmend durch biologische (Kreislauf-) Prozesse zu ersetzen.

Die Landbewirtschaftung muss sich, gerade langfristig, selbst tragen können. Das gelingt nur dann, wenn verschiedene Landnutzungsformen wie Ackerbau, Tierhaltung, Agroforst und Wassermanagement miteinander verbunden werden. Durch die Vielfalt der angebauten Kulturen, die Integration von Tieren, Pflanzung von Bäumen und die Gestaltung der Landschaft wird das gesamte System widerstandsfähig/resilient gegenüber Umweltveränderungen.

Darüber hinaus bindet ReLaWi Kohlenstoff aus der Atmosphäre in Form von Biomasse und Humus. Das hilft die Klimaveränderungen abzumildern und führt zu mehr Bodenfruchtbarkeit, wodurch unsere Böden auch langfristig nutzbar bleiben. Sie gestaltet ein Ökosystem das auf Vielfalt aufgebaut ist. Dadurch fördert sie unteranderem die Artenvielfalt an Insekten und heimischen Tieren und führt zu einer abwechslungsreichen, damit für viele Lebewesen „angebotsreichen“ Landschaft. Mit der Unterstützung der Verbraucher/innen hat ReLaWi das Potential, den zunehmenden Verlust regionaler Kultursorten und der damit verbundenen genetischen Vielfalt umzukehren. Dieser Wandel ist zentral für die Gewährleistung einer dauerhaften Ernährungssicherheit.

ReLaWi ist sozusagen „Beyond Sustainability“. Es führt zu sich selbst regulierenden produktiven Agrarsystemen, welche den Status Quo nicht nur erhalten, sondern verbessern und Ressourcen auf-, statt abbauen.

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WIE KOMMEN WIR DAHIN?

Konkret möchten wir landwirtschaftliche Betriebe fördern, die einen Weg von Bio zur regenerativer Öko-Landwirtschaft gehen wollen oder bereits gehen. Bio ist für uns gesetzter Standard, dennoch gehen wir davon aus, dass auch biologischer Landbau noch weiterentwickelt werden kann.  Gemeinsam möchten wir den Boden lebendiger machen, Humus aufbauen, Artenvielfalt erhöhen, Erosion fruchtbaren Oberbodens und die Verschmutzung von Oberflächen- und Grundwasser verhindern.

Vor Ort sieht ReLaWi überall anders aus. Denn es geht immer um die individuelle Anpassung an die geografischen Gegebenheiten. Lokales Klima, lokale Flora und Fauna, lokale Bodenstruktur etc. Folgende beispielhafte Maßnahmen helfen dabei regenerative Landwirtschaftssysteme zu entwickeln.

Neue Maßnahmen

Konservierende Bodenbearbeitung und Direktsaat, Mischkulturen, Untersaaten und möglichst ganzjährige Bodenbedeckung gehören dazu. Abwechslung in der Fruchtfolge und der Anbau von Zwischenfrüchten hilft dem Boden und seinen Lebewesen. Bäume und Sträucher sind nicht länger getrennt von Äckern, sondern ein Teil davon. Durch das „Holistische Weidemanagement“ werden Tiere auf den Flächen integriert. Vielfalt wird in der regenerativen Landwirtschaft durch den Einsatz samenfester Bio-Sorten und regional angepasster Züchtungen in Tier- und Pflanzenwelt gefördert.
Landschaftsgestaltung erfolgt möglichst natürlich und unter Einbeziehung eines natürlichen und ausgeglichenen Wassermanagements.

Trotz allem kann man hierbei noch nicht von einem ganzheitlichen System sprechen, wenn man die sozialen Aspekte nicht berücksichtigt. Denn der Mensch ist genauso Teil der Ökosysteme, wie es Tiere und Pflanzen sind. Gute Arbeitsbedingungen und lebenswerte Löhne sind daher ebenfalls Teil regenerativer Systeme.

Neue Ethik

Gesunde Lebensmittel können nur aus einem gesunden Ökosystem heraus entstehen. Einem Ökosystem das in der Lage ist sich selbst zu erhalten, mit gesunden Böden und gesunden Lebewesen. Um dies zu erreichen braucht es mehr als konkrete Umsetzungsmaßnahmen. Es braucht eine veränderte Haltung. Dazu helfen uns die ethischen Grundsätze, Prinzipien und Designansätzen der Permakultur.

Sie folgt den drei Grundsätzen „Achtsamer Umgang mit der Erde“, „Achtsamer Umgang mit den Menschen“ sowie „Selbstbegrenzung und Überschussverteilung bzw. faire Verteilung“. In der Planung kommen außerdem Prinzipien der Permakultur, wie z.B. Sammle und speichere Energie, Integrieren statt ausgrenzen, Nutze & schätze die Vielfalt und weitere, zum Einsatz.

Hin zu einer Landwirtschaft, die mit, statt gegen die Natur arbeitet. Mit dieser Haltung möchten wir im Markt entscheidend als „Leuchtturm“ dazu beitragen, dass Bio künftig Mindest- und nicht Maximumstandard wird.

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WAS TUT FOLLOWFOOD DAFÜR?

Um den beschriebenen Wandel mitzugestalten, hat followfood die Bodenretter Initiative gegründet. Wir verpflichten uns, 5 Cent von jedem verkauften followfood-Produkt, jedoch jährlich mindestens 70.000,- EUR in unseren Bodenretter-Fonds zu investieren. Die Bodenretter Initiative wird auf mehreren Ebenen wirken:

  • Gemeinsame Entwicklung eines Hofes zu einem Modell-Hof für regenerative Landwirtschaft
  • Experimentanbau regenerativer Methoden. Das Gemüse wird in die Produktentwicklung bei followfood integriert.
  • Wir zahlen Landwirt*Innen höhere Preise, die nachweislich Boden aufbauen
  • Wissenschaftliche Begleitung und Aufbereitung der praxisrelevanten Erfahrungen
  • Generelle Förderung der regenerativen Landwirtschaft im gesellschaftlichen Diskurs

Ab 2020 soll jährlich mindestens ein Produkt aus „eigenen Projekten“ regenerativer Landwirtschafts-Methoden stammen. Stück für Stück gestalten wir somit das followfood Sortiment regenerativ. Außerdem streben wir an, ab 2020 jährlich mindestens einen Hof, finanziell und als Abnehmer, in einer Umstellung auf ReLaWi zu begleiten. In einer Partnerschaft sollen, jeweils auf den Kontext der einzelnen Höfe angepasste, Leitlinien für den individuellen Weg erarbeitet werden. Größe des Hofes und seine Lage, Anbauprodukte, Personalsituation und die bisherige Arbeitsweise fließen ebenso ein, wie die bereits vorhandenen Kenntnisse der Landwirt*Innen auf dem Gebiet der regenerativen Landwirtschaft.

Aus solchen Leitlinien und den daraus resultierenden Erfahrungen können mit wissenschaftlicher Unterstützung übertragbare und skalierbare Modelle entwickelt werden. Andere Betriebe können auf dieser Wissensbasis die regenerative Bewirtschaftung bei sich integrieren.

Die biologische Landwirtschaft wollen wir so zu einer regenerativen Landwirtschaft weiterentwickeln, die umsetzbar und enkeltauglich ist.

ERFOLGRSKRITERIEN UND MESSUNG

In Zusammenarbeit mit Experten gilt es, Indikatoren für eine erfolgreiche Umsetzung der regenerativen Landwirtschaft zu erarbeiten. In Frage kämen hierbei die Zunahme der Bodenfruchtbarkeit, Speicherung von CO2 in Böden (Humusaufbau), die Verbesserung der Bodenstruktur, Pflanzengesundheit und Stabilität der Erträge. Auch erhöhte Artenvielfalt, eine verbesserte Wasserqualität und die zunehmende Aufnahme- und Speicherfähigkeit der Böden könnten als Kriterien zur Erfolgsmessung herangezogen werden.

Ein Reporting der Erfahrungen und positiven Effekte wird allen interessierten Landwirten zur Verfügung stehen und dazu dienen, weiteres Wissen in diesem Bereich zu schaffen.

Mulch sorgt für die bessere Nährstoffversorgung der Kartoffeln und des Bodens, schützt den Boden vor Austrocknung und Erosion und dämmt die Freisetzung von Gasen aus dem Boden ein. (Bild: Unterer Berghof)

ERSTER REGENERATIVER VERSUCHSANBAU DER BODENRETTER-INITIATIVE

Mit dem Unteren Berghof im Schwarzwald, genauer gesagt in Wildberg, haben wir einen ersten Partnerhof für den regenerativen Landbau gefunden. Sophie und Jonathan Kraul bewirtschaften den Hof seit 2018 und stecken voller Tatendrang.

Das erste gemeinsame Projekt startet 2020 und ist ein Kartoffelanbau mit Mulch, bei dem die Kartoffel in einer bodenaufbauenden Art und Weise in die Fruchtfolge integriert wird.

HIER geht es zu unserem gemeinsamen Projekt.