Die Suche nach einem neuen Narrativ.

Während über tausende von Jahren Landwirtschaft in Einklang mit der Natur betrieben wurde, ist seit mindestens 75 Jahren die ertragsorientierte intensive Bewirtschaftung von Böden Vorbild für einen Großteil der globalen Nahrungsmittelproduktionssysteme. Industrialisierung, Technologisierung und die damit beabsichtigte maximale Mengeneffizienz wurden auch in der Landwirtschaft zum Paradigma. Die Folgen dieses Vorbilds sind eindeutig: Klimawandel, ausgelaugte Böden, verschmutztes Wasser, Verlust familiärer, klein-bäuerlicher Betriebe, Verschlechterung der öffentlichen Gesundheit, Verlust der Diversität von Pflanzen, Tieren und Lebensmitteln und unzählige weitere Aspekte. Der Handlungsdruck ist auf allen Ebenen spürbar, der dadurch notwendige Wandel flächendeckend gewollt, doch eine einheitliche Vision, ein übergreifendes Narrativ, fehlt bzw. existiert nur in Nischen.

Betrachtet man die Folgen unserer expansiven und intensiven Systeme, dann scheint der Versuch, Ökosysteme zu kontrollieren, gescheitert zu sein. Aktuelle Lösungsangebote ziehen daraus teilweise erstaunliche Schlussfolgerungen, die nicht einen offensichtlich notwendigen Systemwandel beinhalten. Anstelle sich an den leittragenden Systemen, den Ökosystemen mit ihren natürlichen Prozessen und Kreisläufen, zu orientieren, begegnen einem als Lösungsangebote meist Begriffe der Technologisierung, welche maßgeblich für die destruktive Landwirtschaft verantwortlich ist: Precision-, Digital- oder Smartfarming, Genschere und Clean Meat. Mehr Maschine, noch weniger Mensch. Mehr Labor, noch weniger Natur. Mehr Kontrolle, noch weniger Kooperation. Also weiterhin der Weg der Rationalisierung. Bei dieser Argumentation geht es mir nicht um einen Technologie-Pessimismus, denn die Landwirtschaft kann von der Digitalisierung profitieren. Die Frage ist nur: auf welcher Basis? Technologisierung ist nicht die Lösung, sondern kann nur ein Hilfsmittel sein.

Manuelle und bodenschonende Bearbeitung der Felder (Foto: Westhof Bio-Gemüse)

"EU-Bio" ist erst der Anfang.

Während meines Studiums der Kulturwissenschaften und Soziologie begann ich mich genau für diese Zukunftsfragen der Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion zu begeistern. Die Erkenntnis, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Zustand unserer Ökosysteme und den Möglichkeiten ökologischen Konsums gibt, ließ mich sowohl meine eigene Ernährungsweise, als auch unsere gesellschaftliche Lebensmittelproduktion hinterfragen: „Wie wollen wir essen?“, aber vor allem Fragen wie „was wollen wir essen", "wie wird es hergestellt" und "welche Auswirkungen hat das auf die Ökosysteme und unsere Gesellschaft?“ trieben mich um. Betrachtet man die bisherigen Funktionsmechanismen, wird klar: Die Landwirtschaft ist eine der größten Ursachen gegenwärtiger Umweltprobleme. Doch die industrialisierte, konventionelle Landwirtschaft ist nicht nur eine zentrale Belastung der Ökosysteme, sie ist auch ein gesellschaftliches Problem. Bauern geraten in existenzielle Abhängigkeiten zu internationalen Großkonzernen, globaler Lebensmittelhandel führt zu einer starken Bedrohung von Menschenrechten und Gerechtigkeitsverteilung, Rodungen, "Landgrabbing" und die Zerstörung von Habitaten führen zu globalen Migrationsbewegungen und Klimabelastungen. Gesundheitliche und medizinische Belastungen nehmen zu – kurzum: eine tragische und zerstörerische Bilanz. Die Kehrseite zeigt allerdings, dass Landwirtschaft einer der großen Hebel sein kann, um die Balance zwischen Mensch und Natur wiederherzustellen. Die Frage der Landwirtschaft ist zentral für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.

Die biologische Landwirtschaft nach „EU-Bio“ liefert ein erstes Angebot für eine neue Landwirtschaft. Definitiv ein guter Anfang! Doch auch hier sind industrielle Tendenzen intensiver Produktionssysteme zu erkennen und es findet eher eine Ökologisierung konventioneller Landwirtschaft statt, als ein wirklicher Wandel. Klar ist, „EU-Bio“ reicht nicht für eine Gesundung unserer Ökosysteme. Auf der Suche nach Alternativen ging ich jedem Anhaltspunkt und Beispiel nach. Anfänglich ließ sich kein summierender Begriff für die Gesamtheit der Alternativangebote, die mir begegneten, ausmachen. Begriffe wie Permakultur, Market Garden, Agroforstwirtschaft u.ä. führten mich zu Pionier-Projekten auf der ganzen Welt. Von Ferme de Bec Hellouin in Frankreich, über Sepp Holzer in Österreich, bis zu David Holmgren in Australien, Sekem in Ägypten oder Laguna Blanca in Argentinien.

Erst später stieß ich auf den Begriff der regenerativen Landwirtschaft, welcher als Grundgedanke allen Projekten gemein ist. Es geht darum, wie wir den Ökosystemen etwas zurückgeben können statt ihnen lediglich Ressourcen zu entziehen. Wie Lebensmittelproduktion mit der Natur – statt gegen sie – funktionieren kann. Wie Mensch und Ökosystem in ein positives und produktives Verhältnis treten können. Eine Lebensmittelproduktion, die Fruchtbarkeit, Diversität, Produktivität und Stabilität nicht ab-, sondern aufbaut. Die in Kreisläufen denkt und den Ökosystemen nicht nur entnimmt, sondern auch zurückgibt. Eine geniale und wünschenswerte Vision, oder nicht?

Erntefrischer Demeter-Brokkoli (Foto: Westhof Bio)

Mit der Natur statt gegen sie.

Dieser Kerngedanke bricht mit dem Narrativ industrialisierter Gesellschaften der letzten 150 Jahre, ist aber konsistent zu dem, was der Mensch im Grunde tausende Jahre gelebt hat. Sie waren geprägt von dem Versuch, sich natürlicher Zwänge und Abhängigkeiten, sich der Einbettung in Ökosysteme zu entheben. Ein Versuch der Emanzipation des Menschen von der Natur. Wohin das führte, hat Adorno schon vor Jahrzehnten in seiner Dialektik der Naturbeherrschung beschrieben: Der Wunsch einer Loslösung von natürlichen Zwängen führt in eine noch größere Abhängigkeit von Funktionsweisen der Ökosysteme. Die steigende Anzahl an Naturkatastrophen und der Verlust an „Ökosystem Leistungen“ bestätigen diese Behauptung und die Widersprüchlichkeit von rationalisierter Kontrolle und Nutzbarmachung von Natur. So gilt Adornos Zitat auch heute: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Keine Ökologisierung durch reine Technologisierung.

Die genannten progressiven Projekte sind also nicht nur darauf ausgelegt, alternative Konzepte tatsächlich zu realisieren, sondern streben auch einen Paradigmenwechsel an, der auf den öffentlichen Diskurs und gesellschaftliche Werte abzielt. Sie beobachten natürliche Prozesse und Funktionsweisen von Ökosystemen und versuchen, sie zu imitieren oder in produktive Kooperation zu treten und sie dadurch zu verstärken. Ziel ist ein produktives System, mit der Natur als Vorbild. Es eröffnete sich für mich eine Welt der Möglichkeiten. Denn es geht dabei nicht darum die Dinge weniger schlecht zu machen, sondern unser in Schieflage geratenes Mensch-Naturverhältnis, als Ursache unserer ökologischen Probleme, zu verändern: Menschliche Systeme als Teil der Natur. Diese Behauptung ist nicht nur logisch, sondern - neben vereinzelten Nostalgikern mit Hybris, die den Menschen schon fast als übernatürlich begreifen - wissenschaftlich akzeptiert. Natur ist kein Gegensatz zu Gesellschaft, sondern der Rahmen in dem sie stattfindet.

Foto: Westhof Bio-Gemüse

Natur als Vorbild für Produktivität.

Betrachten wir konkrete Projekte, die diese Vision einer regenerativen Landwirtschaft bereits umgesetzt haben, sehen wir die Besonderheit aber auch die Genialität: Keinerlei Spritzmittel, kein Pflug, kein künstlicher Dünger, kaum maschinelle Bearbeitung, viel Handarbeit. Höfe die aussehen wie wilde Gärten oder Urwälder, Tiere zwischen Beeten und auf Feldern, Hühner und Katzen in Gewächshäusern, Vögel und Insekten überall und kunstvolle Strukturen und Farben.

Es scheint unwirklich, aber vor allem: schön und nicht produktiv. Wie eine romantisierte Verklärung, die nicht für die großflächige Lebensmittelproduktion geeignet ist. Doch sieht man genauer hin, ist die Produktivität pro Quadratmeter teilweise um das 10- bis 40-fache höher als in konventioneller Landwirtschaft. Kleine Höfe mit wenigen Hektar beschäftigen sieben oder acht Vollzeit-Angestellte, womit sonst nur Großbetriebe gleichziehen können. Die Pflanzen sind gesund und sehr widerstandsfähig gegenüber Wettereinflüssen. Der Boden ist unglaublich fruchtbar und speichert um ein Vielfaches mehr Wasser als konventionell bewirtschaftete Böden. So erzählte mir ein Bauer, er habe im trockenen Sommer 2018 seine Salate nicht einmal gießen müssen.

Und nicht nur für die Ökosysteme und deren Erzeugnisse scheint der regenerative Ansatz von Vorteil zu sein. Wie in anderen Wirtschaftssektoren bewährt sich das System der „Risikostreuung“. Durch eine unglaubliche Diversität (teilweise über 50 verschiedene kultivierte Pflanzensorten auf einem Hof) sind Ernteausfälle nicht existenzbedrohend. Ist die Apfelernte nicht gut, oder fällt aus, kann es durch den Verkauf dutzender anderer Ernten kompensiert werden. Bei konventionellen Bauern mit einer Handvoll verschiedener Sorten ist der Ausfall der Ernte auch nur einer Sorte sofort ein existenzielles Risiko.

Pflanzenvielfalt auf einem Demeter-Hof (Foto: Alexander Stefan, followfood GmbH)

Warum dient uns eine solche Kulturlandschaft nicht als Vision, als Narrativ? Eine hochproduktive Kultivierung der uns umgebenden Landschaft, welche uns nicht nur mit der größten Vielfalt an Tieren, Pflanzen und Farben erfreut, sondern gleichzeitig unsere Lebensgrundlage sichert und uns mit weitaus geschmackvolleren, nährstoffreicheren, abwechslungsreicheren und gesünderen Lebensmitteln versorgt. Auch wenn es für manche vielleicht noch nicht ausreichend wissenschaftliche Erkenntnisse über die tatsächliche Wirksamkeit und Produktivität gibt, so lässt sich sagen: die etlichen Beispiele sollten ausreichen um es zu probieren! Denn „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“ (Albert Einstein). Deshalb ist es nur logisch, nun einen anderen Weg einzuschlagen.

In diesen Dingen ist die Hoffnung der schlechteste Ratgeber, denn wir befinden uns nicht in einer Krise. Das wird nicht „vorübergehen“, daran werden wir uns gewöhnen müssen. Das ist definitiv. (Bruno Latour)

Also hoffen wir nicht, sondern glauben an diesen anderen Weg. Eine Zukunft, in der Gesellschaft als Teil der Natur begriffen wird. Statt gegen, mit der Natur. Kooperation statt Konkurrenz. Einheit statt Hierarchie.