Wenn uns durch diese Doku bewusst wird, dass es einen Unterschied macht, was genau auf unserem Teller landet und wir daraufhin das eigene Verhalten verändern, dann wurde schon etwas erreicht. Denn wir brauchen eine sozial-ökologische Transformation und dafür müssen wir anders konsumieren.

Da der Film sehr allgemeine und umfassende Aussagen trifft, ist es uns ein Anliegen hier nochmal differenziert drauf zu schauen. Einige Kernaussagen sind sehr pauschal und werden vielen engagierten Menschen und der Komplexität der Situation nicht gerecht. Da die Dokumentation grundlegende Dinge hinterfragt, wollen wir auch etwas mehr ins Detail gehen. Um allerdings nicht allzu weit auszuholen, fokussieren wir uns auf das Thema Fischerei. Vor allem die Aussage "nachhaltige Fischerei wäre nicht möglich" ist uns eine Herzensangelegenheit und wir wollen euch beweisen: Nachhaltiger Fischfang ist natürlich möglich!

Bringen wir zunächst aber die Probleme nochmal auf den Punkt: Circa ein Drittel der weltweiten Fischbestände sind überfischt. Ca. 60% davon sind maximal befischt und damit an der Grenze zur Überfischung. Schätzungen vermuten, dass zwischen 15 und 25% aus illegalem Fischfang stammen. Und da haben wir noch nicht über schlimmste Menschenrechtsverletzungen, Verschmutzung, Korallensterben und weitere Probleme gesprochen. (Mehr zum Zustand der Meere: HIER)

Das ist alarmierend, nicht nur für die Fische, sondern weil mit jedem verlorenen oder vulnerablen Fischbestand die Widerstandsfähigkeit der marinen Ökosysteme verringert wird. Hinzu kommt, dass auch der Klimawandel und die Eintragungen aus der Landwirtschaft die Meere zusätzlich belasten. Auch im Meer braucht es Biodiversität. Je weniger Vielfalt, desto geringer die Anpassungsfähigkeit an sich verändernde Umstände.

Warum ist das wichtig? Weil wir Menschen die Ursache dieser negativen Umstände sind und wir maßgeblich von der Gesundheit der Meere abhängen. D.h. es ist nicht nur eine Überlebensfrage der Meeresbewohner, sondern aller Lebewesen dieses Planeten und damit auch von uns. Kein gefräßiger Delfin ist für die Überfischung verantwortlich, denn die Natur ist ein genial ausbalanciertes System. Wir sind der Störfaktor. Bedeutet, dass auch nur wir etwas daran ändern können. Diesen Zusammenhang hat Seaspiracy nachvollziehbar und wichtig herausgestellt. Nur sind die Schlussfolgerungen nicht differenziert genug. Denn es gibt einen Unterschied zwischen den Fischereipraktiken.

Nachhaltiger Thunfischfang mit der Hand.

Deshalb sind wir 2007 angetreten, um etwas zu verändern. Um Bewusstsein für ein überlebenswichtiges Thema zu schaffen. Um an Alternativen zu arbeiten und zu zeigen wie es gehen könnte. Denn die Aussage der Dokumentation, nachhaltige Fischerei sei nicht möglich, ist nicht korrekt. Wir finden sie sogar fast absurd. Besteht doch ein weltweit großer wissenschaftlicher Konsens, dass sie nicht nur möglich ist, sondern sogar extrem wichtig, um die Zukunftsfähigkeit von uns Menschen auf diesem Planeten zu gewährleisten. Das sehen auch Umweltschutzverbände und NGOs so (Beispiel Greenpeace: HIER).

Die Meere sind ein besonderes Ökosystem. In der Bewirtschaftung gilt hier: WENIGER IST MEHR. Mit einigen verschränkten Maßnahmen kann nachhaltige Fischerei funktionieren:

  • Sinnvolle Schutzzonen in biodiversitätsreichen Regionen
  • 100% nachhaltige Fangmethoden
  • Strengere Fischereiquoten
  • Gezielte Förderung von nachhaltigen Fischereien, statt allgemeine Subventionen

Diese Maßnahmen führen nicht nur zu gesünderen Ökosystemen und Beständen, sondern können auch zu höheren Erträgen führen. Denn es werden weniger Jungfische gefangen und die Fische, die gefangen werden, sind gesünder und größer. Um gleiche Mengen zu erzielen, brauchen wir also weniger Fische. Wissenschaftler:innen weisen seit Jahren darauf hin, dass diese Verschränkung an Maßnahmen machbar wäre und enorme Effekte zeigen würde. Noch ist jedoch der politische Wille nicht da und der Markt zu unreguliert.

Wenn dieser Film daran etwas ändert, dann hat er einen Meilenstein erreicht! Doch wenn er dazu führt, dass wichtiges Engagement für eine nachhaltige Fischerei gleichgesetzt wird mit unregulierter und sogar illegaler Fischerei, dann gefährden wir wichtige Fortschritte der nachhaltigen Entwicklung und Existenzgrundlagen.

Denn es macht einen Unterschied wie wir konsumieren! Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass es am Ende egal ist, ob ich nicht nachhaltigen oder nachhaltigen Fisch kaufe, weil scheinbar sowieso alles das gleich wäre. Damit wollen wir nicht sagen, dass jede nachhaltige Fischerei perfekt ist. Aber es ist ein Weg, den wir gehen müssen.

Zum Verständnis: aktuell sind ca. 90% der weltweiten Fangmengen aus nicht nachhaltiger und nahezu unregulierter Fischerei. Nur etwas mehr als 10% haben nachhaltige Zertifikate, ein Großteil das des Marine Stewardship Council (MSC).
Wichtig: nachhaltig ist nicht gleich nachhaltig. Ähnlich wie bei EU-Bio und Naturland, Bioland oder Demeter, gibt es Unterschiede zwischen nachhaltigen Fangmethoden. Leider sind diese in der Fischerei noch nicht so differenziert in der Unterscheidung, da hier Nachhaltigkeit noch längst nicht so eine große Rolle spielt wie in der Landwirtschaft.

Mit dieser traditionellen Fangmethode ziehen die Fischer Skipjack-Thunfische aus dem Wasser.

Deshalb dient für unsere followfish-Produkte der MSC als Mindeststandard und wir wählen die öko-sozialen Leuchtturm-Fischereien individuell aus. Der MSC allein ist jedoch nicht ausreichend, um ein followfish-Produkt zu werden. Mit unseren eigenen Richtlinien gehen wir über die des MSC hinaus und lassen diese unabhängig von einer wissenschaftlichen Institution prüfen. Diese beinhalten sowohl ökologische, als auch soziale Faktoren. Zentrale Probleme wie Beifang und Menschenrechte werden angegangen. Wie in der Dokumentation dargestellt sind dies einige der zentralen Probleme.

Darüber hinaus wollen wir volle Transparenz ermöglichen. Mit unserem Tracking-Code veröffentlichen wir nicht nur die gesamte Lieferkette und Informationen über die Fangmethode, sondern auch die Auswirkungen auf die Ökosysteme und das Klima in Form von Ökobilanzen. Denn eines der großen Probleme in der Fischerei ist die fehlende Transparenz und die Schwierigkeit eine wirklich informierte Kaufentscheidung zu treffen.

Bei aller notwendigen Aufmerksamkeit ist es aber auch wichtig, die Themen differenziert und kritisch zu diskutieren. Es gibt Kritik am MSC. Dass es jedoch nichts bringen würde und nahezu kriminell sei, ist nicht korrekt und verwischt die Grenzen zwischen den 90% unregulierter und den 10% nachhaltiger Fischerei.

Um die aktuelle Situation besser zu verstehen, ist es notwendig zu wissen, wie der MSC arbeitet. Das Ziel des MSC ist es, so schnell wie möglich einen nachhaltigen Mindeststandard in der Breite zu etablieren. Denn die Zeit drängt. Hierfür beziehen sie alle Interessensgruppen mit ein und versuchen einen Konsens herzustellen. Um überhaupt im Bereich der Nachhaltigkeit voranzukommen, sind vereinzelt Kompromisse notwendig. Mit followfish verfolgen wir einen anderen Ansatz.
Unser Ziel ist es, Leuchtturmprojekte zu fördern und damit zu zeigen was möglich ist. Dabei sind wir auf die Arbeit des MSC als eine Art "Mindestabsicherung" angewiesen (HIER findet ihr die Stellungnahme des MSC).

Wir sind für eine kritische aber konstruktive Weiterentwicklung des MSC.

Lasst uns also lieber daran arbeiten wie wir die 90% auch noch nachhaltig bekommen, anstatt die bestehenden 10% gleichzusetzen und zu gefährden. Nachhaltigkeit ist für uns kein Zustand, sondern ein Prozess des ständigen Wandels, des ständigen Auslotens der eigenen Position und Grenzen des Machbaren. Das Ziel sollte sein, diese Grenzen so weit wie möglich zu erweitern. Stück für Stück in eine nachhaltige Zukunft! Läuft auf diesem Weg etwas nicht so wie es sollte, müssen wir es anschauen und anpassen. Denn es ist ein sozialer Prozess, der auf den Dialog angewiesen ist.

Wie wichtig eine nachhaltige Fischerei ist, zeigt auch die Tatsache, dass Fisch bis heute für 66% der Weltbevölkerung über 40% ihres Proteinbedarfes deckt. Allein für Ost- und Südasien gilt Fisch als wichtigste Eiweißquelle für mehr als eine Milliarde Menschen. (Zusammenfassung der GTZ mit Quellen der FAO).

Tierische Nahrungsinhalte pflanzlich zu ersetzen ist ein wichtiger Weg. Er scheint allein aufgrund der heutigen Verfügbarkeiten und Landwirtschaftsflächen leider als eine Illusion. Darüber hinaus ist die ökologische Sinnhaftigkeit eines solchen Schrittes aus unserer Sicht höchst fraglich. Es gelingt der Landwirtschaft bis heute kaum, ohne massiven Schaden an Ökosystemen, Lebensmittel zu produzieren. Gerade im Bereich der sogenannten "konventionellen Landwirtschaft" entsteht massiver Schaden an Biodiversität, Bodenqualität und Klima. Die Forderung müsste dann konsequenterweise sein, dass wir nur mit Bio im pflanzlichen Bereich kompensieren dürften. Das ist zum einen leider noch unrealistisch und zum anderen wissen wir heute, dass auch das herkömmliche „Bio“ nicht so bodenfreundlich und nachhaltig ist wie wir es für unsere Kinder und Enkel brauchen. Auch deshalb arbeiten wir mit unserem Bodenretter-Fonds als Vorreiter an der Entwicklung der regenerativen Landwirtschaft.

"Es einfach wegzulassen" ist daher nicht so einfach. Pflanzliche Proteinquellen verursachen nicht weniger Schaden. Wir verlagern das Problem lediglich. Die Zusammenhänge erfordern ganzheitlichere und differenzierte Ansätze, die der Komplexität natürlicher Prozesse und gesellschaftlicher Notwendigkeiten gerecht werden.

Wir stellen fest, dass Aufmerksamkeit für die Problematik unserer Meere und den Zustand der Ökosysteme extrem wichtig ist. Eine Doku wie Seaspiracy leistet hervorragende Bewusstseinsarbeit. Für uns ist es aber nur ein erster Schritt, um in eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Problem zu treten. Denn sowohl mit der Aussage „nachhaltige Fischerei ist nicht möglich“ als auch mit dem Statement „Fisch essen ist ökologisch nicht sinnvoll“ stimmen wir nicht überein. Deshalb lasst uns reden. Denn weder eine Doku, noch diese Zeilen werden der Herausforderung gerecht.

Und um ein letztes Missverständnis aus dem Weg zu räumen: Niemand hat je behauptet, dass nur weil etwas nachhaltig ist, es grenzenlos zu Verfügung steht und wir deshalb mehr davon konsumieren dürften. Das wäre ein fataler Rebound-Effekt. Die Ressourcen unseres Planeten bleiben begrenzt.

Ohne einen erheblichen Verzicht auf tierische Produkte werden wir den sozial-ökologischen Wandel nicht schaffen. So auch beim Fisch.